Am 10. März 1962 betreten vier Mitarbeiter:innen von Boehringer Mannheim die Schleuse zu einem sterilen Abfüllraum. An diesem Tag werden sie eine Million Impfdosen abfüllen. Die Verantwortung ist groß: Es geht um die Herstellung des Schluckimpfstoffs gegen die Polio-Erkrankung.

Poliomyelitis, im Volksmund besser bekannt als Kinderlähmung, war zu Beginn der 60er Jahre weit verbreitet. Vor allem in Westdeutschland, wo mit mehr als 5.000 jährlichen Fällen die höchsten Zahlen in Europa verzeichnet wurden. Polio ist eine Viruserkrankung, bei der die Nerven angegriffen werden und Lähmungserscheinungen auftreten können. Wenn auch das Zwerchfell betroffen ist, setzt die Lungenfunktion aus, was eine Beatmung nötig macht bzw. zum Tod führt. Entgegen der Bezeichnung “Kinderlähmung” kann die Krankheit auch Erwachsene betreffen. In der BRD wurde 1962 schließlich die bundesweite Kampagne “Schluck-Impfung ist süß — Kinderlähmung ist grausam” gestartet, um die Verbreitung der Polio zu stoppen.

Aufnahme des Poliovirus (Maßstab 1:60.000) aus einer Mitarbeitenden-Zeitung von 1962.

Am 8. März, um 15.15 Uhr setzte eine Maschine aus Toronto, Kanada, auf dem heutigen Frankfurter Flughafen zur Landung an. Mit an Bord: Sechs Liter konzentrierter Polio-Lebendimpfstoff. Dieser musste zum fertigen Impfstoff weiterverarbeitet werden, eine Aufgabe, mit der die Firma Boehringer Mannheim betraut wurde. 

Dort müssen es aufregende Tage gewesen sein: In kürzester Zeit musste eine Abfüll-Anlage errichtet werden. Zeit für die Konstruktion neuer Maschinen blieb nicht, weshalb die Mitarbeiter:innen auf vorhandene Maschinen zurückgreifen mussten. Schnelligkeit, Flexibilität und Kreativität waren also gefragt - bei gleichzeitig höchster Sorgfalt. Weder Stromausfälle noch ein Maschinendefekt durfte die Herstellung stören, weshalb jede Maschine zweimal vorhanden war.

Bei Boehringer Mannheim wurde 1962 Polio-Impfstoff hergestellt.

Nach der Landung in Frankfurt musste es schnell gehen, denn das Konzentrat war auf minus 30°C heruntergekühlt. Mit Polizei-Eskorte wurde der Impfstoff über die Autobahn in das heutige Roche-Werk in Mannheim transportiert.

Bis nach Mitternacht wurde am 10. März an der Abfüll-Anlage gearbeitet, bis schließlich mehr als eine Million Impfdosen in Kühlboxen das Werk verließen. Am 14. März folgten zwei Transporter mit einer weiteren Million Impfdosen.

Ein leitender Angestellter schrieb damals, wie in der Mitarbeiter:innen-Zeitung zu lesen war, in sein Tagebuch: “Es ist geschafft. Es hat geklappt, durch die verständnisvolle Zusammenarbeit von Mitarbeitern der verschiedensten Abteilungen des Werkes. Für unsere Firma war es ein großer Erfolg”.

Der Schluck-Impfstoff, der in Mannheim weiterverarbeitet wurde, stellte den Wendepunkt in der Bekämpfung des Polio-Virus dar. Er wurde den Kindern mit einem Stück Würfelzucker verabreicht. Damit konnte der Erreger in den 60er Jahren zurückgedrängt werden. Bis 1998 war die Schluckimpfung verbreitet, bevor sie durch einen weiterentwickelten Totimpfstoff ersetzt wurde. Seit 2002 gilt Europa als poliofrei.


Schon 1962 wurde am Standort Mannheim also bundespolitische Gesundheitsgeschichte geschrieben. So gesehen war es für Roche in Deutschland rund 60 Jahre später ein kleines Déjà-vu, als es während der Coronapandemie wieder darauf ankam, schnell und flexibel zu reagieren und dringend benötigte Produkte - in diesem Fall Tests zur Sars-CoV-2-Diagnostik zu liefern. Der wichtigste Erfolgsfaktor, damals wie heute: top-qualifizierte Mitabeiter:innen, die den einen Schritt weitergehen.

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