Die Finanzkommission Gesundheit von Bundesgesundheitsministerin Nina Warken hat in dieser Woche ihren Bericht vorgelegt. Darin: 66 Maßnahmen, mit denen das Milliardendefizit der gesetzlichen Krankenversicherung geschlossen werden soll. Bis Ende 2026 soll ein zweiter Bericht folgen, der sich stärker mit mittel- und langfristigen Strukturreformen der gesetzlichen Krankenversicherung beschäftigt.
Die Ministerin zeigte sich diese Woche dankbar für einen „gut gefüllten Werkzeugkasten“.
Professor Ferdinand Gerlach, Vizechef der Finanzkommission Gesundheit, sagte in der Frankfurter Allgemeine Zeitung im Gespräch mit Christian Geinitz: „Wir rechnen mit einem Shitstorm epischen Ausmaßes.“
Die Kommission hatte ein Mandat: Sie hat Vorschläge vorgelegt, die Spielräume eröffnen und der Politik Handlungsmöglichkeiten und Optionen aufzeigen.
Der Werkzeugkasten enthält neben notwendigen Vorschlägen (wie z. B. die Finanzierung versicherungsfremder Leistungen aus dem Bundeshaushalt) auch stumpfe Werkzeuge - und manche Ideen, bei denen man sich fragt, ob sie überhaupt Werkzeuge sind.
Deshalb stimme ich dem Verband Forschender Arzneimittelhersteller e.V. (VFA) und meinen Industriekolleginnen und -kollegen vollkommen zu, dass Sparpolitik bei Arzneimitteln und Instrumente wie z. B. die Erhöhung und Dynamisierung des Herstellerabschlags absolut schädlich sind - sie wären ein Irrweg.
Auch die Bundestagsabgeordnete im Gesundheitsausschuss Dr. Maria-Lena Weiss MdB CDU/CSU-Bundestagsfraktion spricht im
Doch genau das ist der Punkt: Jetzt kommt es darauf an, politisch abzuwägen, Prioritäten festzulegen und Spielräume klug zu nutzen. Die Kommission hatte die Aufgabe, die Ausgabenseite unter die Lupe zu nehmen und nicht die volkswirtschaftlichen Effekte zu berücksichtigen. Eine Kommission trifft keine politischen Entscheidungen. Ihr Auftrag ist es, Vorschläge bereitzulegen. Manche wird man brauchen, andere nicht.
Jetzt beginnt die eigentliche Arbeit des Bundesministeriums für Gesundheit, Bundesministeriums der Finanzen, Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie, Bundesministeriums für Forschung, Technologie und Raumfahrt und des Bundeskanzleramts: Das Austarieren im politischen Entscheidungsprozess. Jetzt ist die Politik ressortübergreifend gefordert - und mit ihr die Frage, für welches Deutschland wir stehen wollen. Denn:
Die Industrieproduktion in Deutschland ist nun das vierte Jahr in Folge gesunken - Deutschland kommt aus der Rezession nicht wirklich raus. Umso wichtiger ist es, dass die Politik jetzt handelt - und zwar unter dem Primat der Industriepolitik. Denn was Deutschland jetzt braucht, sind Arbeitsplätze, Investitionen, Wachstum und internationale Wettbewerbsfähigkeit.
Wie oft hat die Politik schon in der Vergangenheit zu kurzfristigen Sparmaßnahmen bei Arzneimitteln gegriffen, die die Unternehmen immer wieder verunsichert und hart getroffen haben? Mit entsprechend negativen Folgen für den Standort, für unsere Wettbewerbsfähigkeit und unsere internationale Innovationsführerschaft.
Und der erhoffte nachhaltige Spareffekt? Der ist regelmäßig ausgeblieben. Die Milliarden, die man im Gesundheitssystem einsparen wollte, sind am Ende schlicht und einfach verpufft - weil die Arzneimittelausgaben der falsche Hebel waren und die strukturellen Probleme und Effizienzreserven nicht angegangen wurden.
In Deutschland stehen Pharma und Diagnostik heute noch:
Für Gesundheit.
Für Arbeitsplätze und Wohlstand.
Für die nationale Sicherheit und Resilienz.
Für Zukunft.
Am Ende ist der Saldo für Deutschland positiv: Den Ausgaben für Arzneimittel steht eine Branche gegenüber, die in Deutschland rund 190 Milliarden Euro Wertschöpfung erzeugt, Arbeitsplätze schafft, Menschen gesund hält und erhebliche Beiträge zu unseren sozialen Sicherungssystemen leistet. Unsere Industrie liefert beides: innovative Medikamente und moderne Medizinprodukte für Patientinnen und Patienten - und Arbeitsplätze sowie Investitionen für nachhaltiges Wachstum.
Andere Länder kaufen Produkte „Made in Germany“, ohne dass dort eigene Wertschöpfung entsteht. Deutschland hat beides.
Ein eindimensionaler Blick der Politik auf die Ausgabenseite der Arzneimittel wäre für mich ein Abschied vom Industriestandort und eine Entscheidung gegen Forschung, gegen industrielle Wertschöpfung, gegen Zukunftsinvestitionen und gegen Arbeitsplätze in Deutschland - und eine Entscheidung für die schleichende Deindustrialisierung.
Die Branche “Pharma & Chemie” ist in Deutschland unter den Top-3-Industriesektoren und setzt mit ihren Innovationen und Schlüsseltechnologien auf ein zukunftsgerichtetes Modell. Und das in Zeiten, in denen andere traditionelle Sektoren in Deutschland mit fundamentalen strukturellen Herausforderungen zu kämpfen haben.
Aber: So wie Physiker vor Rissen und Materialermüdung durch anhaltende Druckbelastung warnen, so muss auch hier gewarnt werden: Starke und erfolgreiche Industriezweige können ebenfalls ermüden und wegbrechen.
Ja, das Defizit der gesetzlichen Krankenkassen - von denen wir in Deutschland übrigens fast 100 Stück haben - muss geschlossen werden. Die pharmazeutische Industrie trägt bereits heute erheblich zur Stabilisierung und Querfinanzierung der gesetzlichen Krankenversicherung bei.
Allein im Jahr 2025 belief sich dieser Beitrag auf rund 29 Milliarden Euro - durch Festbeträge, gesetzliche Rabatte, individuelle Vereinbarungen und Regelungen aus dem Arzneimittelmarktneuordnungsgesetz.
Was viele vielleicht nicht wissen: Preise für innovative Medikamente erhalten keinen Inflationsausgleich. Während die Finanzkommission einen Inflationsausgleich bei den Zuzahlungen der Versicherten empfiehlt, wird seit 2011 der Preis eines neuen Arzneimittels nach Markteintritt anhand des nachgewiesenen Zusatznutzens verhandelt. Anschließend bleibt er grundsätzlich fix - unabhängig von Inflation oder steigenden Kosten.
Betrachtet man all das zusammen: Arzneimittel waren in Deutschland real noch nie so günstig wie heute - auch wenn Krankenkassen das gerne anders darstellen. In Deutschland haben wir ein System, das den therapeutischen Nutzen eines Arzneimittels mit seiner Wirtschaftlichkeit abwägt - aus den verschiedenen Verhandlungen wird ein Erstattungsbetrag abgeleitet. Kurzfristige Sparmaßnahmen wie willkürliche Abschläge oder Zwangsrabatte führen dieses System der nutzenbasierten Preisfindung ad absurdum, verunsichern Unternehmen, schaden der Planbarkeit und bestrafen medizinischen Fortschritt.
Dabei braucht Deutschland heute -mehr denn je- stabile Rahmenbedingungen, starke Wirtschaftszweige und einen attraktiven heimischen Markt, der Innovationen angemessen honoriert.
Erstaunlich ist für mich, was im Bericht kaum vorkommt: Die geopolitische Realität.
Dabei wächst der Druck auf unsere Industrie immens - insbesondere aus den USA.
Lange galt: Die Vereinigten Staaten und einige wenige weitere Länder trugen mit höheren Preisen für Arzneimittel maßgeblich dazu bei, dass sich die hohen Investitionen und Risiken der pharmazeutischen Forschung und Entwicklung rechnen. Mit der sogenannten Most-Favored-Nation-Agenda stellen die USA dieses Modell nun infrage und fordern, dass auch Industrieländer wie Deutschland einen größeren Anteil übernehmen und sich am weltweiten Innovationsgeschehen angemessen beteiligen.
Daraus ergeben sich im Wesentlichen drei mögliche Szenarien, auf die ich bereits im Detail mit dem Tagesspiegel Background im Gespräch mit Gunnar Göpel vor einigen Wochen eingegangen bin:
Erstes Szenario: Europa könnte anerkennen, dass die amerikanische Forderung berechtigt ist, und folglich politisch entscheiden, dass innovative Arzneimittel auch hierzulande einen höheren Wert haben. In diesem Fall müssten sich die Preise in Deutschland und den USA stärker annähern.
Zweites Szenario: Eine internationale Preisreferenzierung in den USA auf deutsche Preise könnte dazu führen, dass die Arzneimittelpreise in den Vereinigten Staaten sinken. Damit würden jedoch finanzielle Mittel aus dem System der Forschung und Entwicklung abgezogen - mit der absehbaren Folge geringerer Innovationsdynamik, weniger neuer Medikamente und einer schwächeren pharmazeutischen Industrie, auch in Deutschland. Dieses Szenario würde Deutschland Forschung, Entwicklung und Produktion kosten.
Drittes Szenario: Der Preisdruck aus den USA könnte dazu führen, dass Unternehmen neue Innovationen in Europa künftig verzögert oder gar nicht mehr einführen, um das Preisniveau im amerikanischen Markt nicht zu gefährden. In diesem Fall würden auch Deutschland und seine Patienten von vielen medizinischen Fortschritten erst später profitieren. Das ist keine bloße Warnung: Mehr als 90 Prozent der im Jahr 2025 zugelassenen Medikamente wurden zunächst in den USA auf den Markt gebracht – und sind in vielen anderen Regionen bis heute nicht verfügbar.
Vor dem Hintergrund dieser Szenarien gilt: Umso wichtiger wäre es, die neuen Rahmenbedingungen in den USA und ihre Auswirkungen auf unseren Standort und unsere Versorgung politisch zu analysieren, die entsprechenden Werkzeuge im Kontext der geopolitischen Veränderungen zu definieren und unsere eigene Wettbewerbsfähigkeit zu stärken - anstatt sie zu schwächen. Wir können es uns nicht leisten, Arbeitsplätze in den Bereichen Forschung, Entwicklung und Produktion an andere Länder zu verlieren.
Im Bericht findet all das keine Beachtung: Gesundheitspolitik ist heute auch immer Industrie-, Wirtschafts- und zunehmend Sicherheitspolitik.
Ich habe schon öfter gesagt: Wir wollen als Industrie in Deutschland anpacken und nicht einpacken.
Bis zum Ende der aktuellen Legislaturperiode stellt Roche hierzulande Investitionen in Milliardenhöhe in Aussicht. Doch Investitionen sind kein Selbstläufer - sie durch falsche politische Entscheidungen zu gefährden, wäre standortpolitischer Suizid.
Deutschland muss sich ehrlich fragen und dann entsprechend des Koalitionsvertrages und des Pharma- und Medizintechnikdialogs konsequent handeln:
Wofür wollen wir im globalen Wettbewerb stehen? Was soll uns international auszeichnen?
In der Verteidigungs- und Sicherheitspolitik hat Europa diese Fragen zuletzt erstaunlich klar beantwortet. Bei unserer Verteidigung setzen wir bewusst auf eigene Fähigkeiten und auf verlässliche Verbündete. Niemand käme auf die Idee, ausgerechnet bei der Sicherheit des Landes von anderen abhängig zu werden, nur weil es irgendwo anders billiger ist.
In der Gesundheitspolitik - und insbesondere bei Zukunftstechnologien der industriellen Gesundheitswirtschaft - fehlt mir diese strategische Klarheit bislang. Damit Deutschland weiterhin eine leistungsfähige medizinische Versorgung und schnellen Zugang zu Innovationen sichern kann, müssen politischen Bekenntnissen nun wirksame industriepolitische Reformen folgen: Wir müssen zum Konsens zur Konsequenz kommen.
Dabei geht es um eine zentrale Frage: Was sind uns innovative Arzneimittel im Speziellen und Gesundheit im Allgemeinen wert?
Für unsere Gesellschaft und unseren Wohlstand. Für unsere medizinische Versorgung. Für unsere Souveränität und nationale Sicherheit.
Der Werkzeugkasten liegt jetzt auf dem Tisch.
Und nun entscheidet sich, welches Werkzeug Deutschland wirklich in die Hand nimmt.
Zum Schluss noch eine Bemerkung zu einem Thema, das derzeit vermehrt in der öffentlichen Debatte auftaucht: dem sogenannten „Mythos der Überrendite“ in der Pharmaindustrie.
Arzneimittelentwicklung gehört zu den risikoreichsten Geschäftsmodellen überhaupt. Forschung ist teuer - Projekte können kurz vorm Ziel scheitern, wie man beispielsweise im Bereich Alzheimer und bei vielen noch unzureichend behandelbaren großen Volkskrankheiten immer wieder sieht.
Um all das finanzieren zu können, wird Risikokapital benötigt. Und damit man als Industrie dieses Risikokapital anziehen kann, braucht es eine gewisse Profitabilität bzw. Kapitalrendite. Betrachtet man F&E-Ausgaben betriebswirtschaftlich nicht als Aufwand, sondern als Investitionen in zukünftige Innovationen, relativiert sich jedoch das verbreitete Bild übermäßiger Profitabilität. Ja, Pharmaunternehmen sind natürlich profitabel. Und sie müssen es sein.
Aber: Der Kapitalmarkt hat längst erkannt, dass der Mythos der Überrendite sich auflöst, sobald man das wichtigste Asset berücksichtigt: Das Wissen in Form von geistigem Eigentum. Wenn über Jahre aufgebautes Wissenskapital in die Kapitalbasis einbezogen wird, verzeichnen Branchen-ETFs über die letzten zehn Jahre keine Überrenditen für Pharma.
Die Realität ist damit weniger spektakulär, als manche Schlagzeile vermuten lässt: Pharma ist kein Überrenditegeschäft, sondern eine Branche mit hohen Risiken, langen Entwicklungszeiten und erheblichen Investitionen in Wissen.
Wer Innovation will, muss auch die ökonomischen Voraussetzungen dafür akzeptieren.
Denn am Ende gilt ein einfacher Zusammenhang:
Ohne Kapital keine Forschung.
Ohne Forschung keine Innovation.
Und ohne Innovation keine Wertschöpfung, keine Arbeitsplätze und keine neuen Therapien für Patientinnen und Patienten.
Autor
Dr. Daniel Steiners
Vorstand der Roche Pharma AG
Dieser Standpunkt ist am 02.04.2026 im
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