Wer zuhause von der Leiter gefallen oder beim Sport gestürzt ist und eben noch gesund war, der rechnet wohl kaum mit der Diagnose Lungenkrebs im Frühstadium. Warum der Zufallsfund Glück im Unglück sein kann und warum man dafür zukünftig vielleicht nicht erst von einer Leiter stürzen muss…

Du willst eine Lampe anschrauben oder die Gardinen abnehmen, hast blöderweise nur einen Drehstuhl zur Hand und machst Bekanntschaft mit der Tischkante. Du hast es auf der Piste ein bisschen übertrieben, der Schnee ist bretthart und ganz und gar nicht puderweich oder du bist einfach die Treppe hoch gestolpert, weil aufs Handy schauen und laufen doch keine so gute Idee war. Egal, wie es passiert, der Aufprall treibt dir die Luft aus den Lungen. Der Schmerz schießt in die Brust. Spätestens morgen kannst du dich kaum aufsetzen. Niesen, Husten, Gähnen - selbst ein tiefes Einatmen tut höllisch weh. 

“Kommen Sie direkt um acht vorbei und bringen Sie viel Zeit mit…” Das Wartezimmer beim Orthopäden ist voll, durch die Glastür siehst du mindestens sieben weitere Patientinnen und Patienten auf weißen Plastikstühlen. Ein paar starren auf ihre Handys, andere lesen in den ausliegenden Magazinen. Nach zwei Stunden wirst du aufgerufen. In der kleinen Umkleidekabine vorm Röntgenzimmer ziehst du dich bis auf die Unterhose aus. Der Arzthelfer positioniert dich resolut vor dem Röntgengerät und bringt den Lendenschurz aus Blei an. Nach ein paar Minuten ist alles vorbei.

“Die Rippen sehen gut aus, vermutlich ist nichts gebrochen”, beruhigt die Ärztin, während sie mit ihrem Kugelschreiber auf das Röntgenbild deutet und damit die sich hell abzeichnenden Rippenbögen nachzeichnet. “Ich würde Sie trotzdem gern zum Pneumologen überweisen”, sagt sie, während du sie überrascht anschaust. “Hier unten ist ein Schatten auf der Lunge”, kreisend bewegt sie ihren Kugelschreiber über ein helles Feld, das wie eine kleine Wolke aussieht. “Vermutlich ein Artefakt der Röntgenaufnahme, aber ich würde das gern abklären lassen”. Ein paar Wochen und Arztbesuche später sitzt du in einem funktionellen Büro. Der Arzt ist Ende 30, höchstens 40 Jahre alt, er könnte dein Sohn sein. “...Sie haben im Grunde Glück gehabt: Lungenkrebs, Stadium IIA, lokal abgegrenzt, operable, gute Chancen alles in allem!”

Was makaber, vielleicht geradezu zynisch klingt, ist tatsächlich ein Glücksfall, denn rund 70 Prozent aller Lungenkrebspatientinnen und -patienten erhalten ihre Diagnose in einem fortgeschrittenen Stadium, wenn erste Symptome auftreten. Hat der Tumor aber erst in ferne Regionen des Körpers gestreut oder benachbarte Gewebe, etwa Speiseröhre oder Herzbeutel befallen, sinken die Heilungschancen rapide. Eine frühzeitige Diagnose ist deshalb überlebenswichtig, aber ziemlich selten und meist ein “Zufallstreffer”. Anders als bei Darmkrebs, Brustkrebs oder Prostatakrebs gibt es beim derzeit keine Früherkennungsprogramme. 

Auch heute noch sterben an keiner Tumorart mehr Menschen als an Lungenkrebs. Diagnostik und Therapie haben in den letzten zehn Jahren einen Quantensprung gemacht. Bei kaum einer anderen Krebsart ist so viel passiert, ist man so weit, wie beim Lungenkrebs: Molekulare Tumorprofile zeigen uns die Schwachstellen des Tumors,  zielgerichtete Wirkstoffe erlauben eine immer stärker , Krebsimmuntherapien sorgen dafür, dass das Immunsystem die Tumorzellen zerstört. Viele Patientinnen und Patienten erhalten so heute eine wirkungsvollere und gleichzeitig verträglichere Behandlung als noch vor wenigen Jahren.

Das Problem: Wer nicht das Glück hat, von der Leiter zu fallen oder anderweitig zufällig früh diagnostiziert zu werden, dessen Chance auf ein Leben ohne Krebs stehen zugegebenermaßen dennoch schlecht. Möglichst lange, möglichst gut mit der Erkrankung leben, ist dann das Ziel. Früher waren das oft nur Monate, heute können es für einige Patientinnen und Patienten viele Jahre sein. 

Hohe Chancen auf ein Leben ohne Krebs bleiben aber denen vorbehalten, deren Tumor früh entdeckt wurde. Früherkennung ist damit ein wesentlicher Bestandteil, wenn es darum geht, die Heilungschancen bei Lungenkrebs zu verbessern, neue Therapien könnten zudem das Risiko, dass der Krebs nach erfolgreicher Operation irgendwann zurückkehrt, weiter senken. Die Früherkennungsmethode der Wahl: Die . Das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen hat dem Screening bei Risikogruppen bereits ein positives Zeugnis ausgestellt: Der Nutzen überwiegt mögliche Risiken. 

Bisher lässt das Screening allerdings noch auf sich warten. Für alle Betroffenen mit Lungenkrebs, die nicht das Glück haben, zufällig bei einem Sportunfall oder einer Herzuntersuchung entdeckt zu werden, bleibt zu hoffen, dass die Früherkennung per Niedrigdosis-Computertomographie noch schnell genug kommt. Bis dahin gilt: Wer Teil der Risikogruppe ist, muss selbst tätig werden und sollte bei ersten die Hausarztpraxis aufsuchen und mit Verweis auf mögliche Risikofaktoren um Abklärung bitten. Denn auch bei Lungenkrebs gilt: Je früher die Krankheit erkannt wird, desto besser stehen die Chancen möglichst lange mit oder ganz ohne Krebs zu leben.

Apropos Risikofaktoren: Lungenkrebs kann viele Ursachen haben - Rauchen ist ein wichtiger Faktor, aber bei weitem nicht der einzige, auch Nichtraucher können an speziellen Formen erkranken. Zudem können bestimmte genetische Veränderungen für die Entstehung von Lungenkrebs verantwortlich sein. Die Betroffenen haben meist nie oder wenig geraucht und sind relativ jung. Egal, was letztlich die mutmaßliche Ursache der Erkrankung - jeder Erkrankung - ist: Stigmatisierung hilft niemanden. Stigmatisierung macht alles immer schlimmer. Sie ist für Menschen, deren Leben durch eine erschütternde Diagnose über den Haufen geworfen wurde eine enorme Belastung, sie sorgt für Scham und in der Folge dafür, dass Betroffene sich zurückziehen und abschotten - von Familie, Freunden und von notwendiger medizinischer Versorgung.

Autor
Fabian Bockholt
Communications Manager

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