Manchmal beginnt eine neue Möglichkeit mit einem Satz, der im Behandlungszimmer alles verändert: „Es gäbe da eine Studie, die für Sie passen könnte.“

Für manche ist das Hoffnung. Für andere ein Fragezeichen. Und zu oft fällt dieser Satz gar nicht. Nicht, weil niemand ihn sagen will, sondern weil er im Alltag zu oft untergeht: zwischen Zeitdruck, Informationslücken und der Unsicherheit, wie man überhaupt die „richtige“ Studie findet. Doch wenn Studien später starten, verlieren Zentren Tempo, Erfahrung und oft auch Versorgungschancen – und Patient:innen warten länger auf Innovationen.

Dabei sind klinische Studien keine abstrakte Forschung im Elfenbeinturm. Sie sind der Moment, in dem Medizin von einem Versprechen zur geprüften Option wird - Schritt für Schritt, unter klaren Regeln und mit dem Ziel, Versorgung besser zu machen.

Und sie erweitern den Blick: damit es nicht nur „Was ist der nächste Standard-Schritt?“ heißt, sondern auch „Gibt es zusätzlich eine passende Studie oder eine andere Option für genau diese Patientin/diesen Patienten?“

Warum fühlt sich der Zugang trotzdem häufig so schwer an? Weil Studien für viele wie ein eigenes Universum wirken: andere Sprache, andere Abläufe, andere Anlaufstellen. Und weil sich auf Ärzt:innen-Seite ein weiterer Effekt zeigt: Selbst wenn Interesse da ist, frisst Komplexität Kapazität – vom ersten „Könnten wir?“ bis zum Start einer Studie.

In diesem Beitrag:

Reality-Check: Klinische Studien in Kürze

  • Orientierung für die Praxis: So kommt die Studie ins Gespräch

  • Standort-Check: Aktuelle Daten & die wichtigsten Hebel für den Studienstandort Deutschland

  • 6 Mythen, 6 Fakten

Also wie gelingt es, dass der Satz „Es gäbe da eine Studie …“ in der Praxis öfter fällt?

Das diskutieren Dr. Julia Wagle (Country Medical Director, Roche Pharma AG) und Philipp Schlatter (Country Head Germany, Global Product Development).

Q: Liebe Julia, warum löst der Begriff „Studie“ bei vielen Menschen eher Skepsis als Neugier aus?

Julia: Weil sich rund um klinische Studien hartnäckige Bilder halten: vom „Versuchskaninchen“ bis zur Angst, die Kontrolle abzugeben. Dabei ist der Kern klinischer Forschung genau das Gegenteil: klare Regeln, transparente Aufklärung, strenge Sicherheitsstandards und das Recht, jederzeit "Nein" zu sagen oder auszusteigen. Was häufig fehlt, ist verständliche Orientierung: Was bedeutet Teilnahme konkret - in meinem Alltag, in meiner Situation?

Q: Lieber Philipp, sind wir in Deutschland "Studienmuffel" oder ist es komplizierter?

Philipp: Ich erlebe selten mangelndes Interesse. Häufiger sind es die Rahmenbedingungen, die aus Motivation Frust machen: zu wenig Personal in Studienzentren, hoher administrativer Aufwand, lange Abstimmungs- und Vertragsprozesse. Das ist keine Frage von "Wollen", sondern oft von Machbarkeit im Versorgungsalltag.

Q: Wo klemmt es am stärksten – was macht Studien im Alltag so schwierig?

Philipp: Es klemmt vor allem beim Start und in der Umsetzung. Studien brauchen Koordination, Dokumentation, Terminlogistik, Monitoring. Das ist anspruchsvoll und erfordert qualifizierte Rollen (Studien-Koordinator:innen, Dokumentation Support). Wenn diese Kapazitäten fehlen, wird aus "wir könnten" schnell "wir schaffen es gerade nicht".

Q: Warum ist das Thema klinische Studien für den Standort Deutschland und die Versorgung so wichtig?

Julia: Weil klinische Studien am Ende Chancen bedeuten: Sie können Zugang zu neuen  Therapieansätzen und -Optionen eröffnen und gehen mit sehr strukturierter Begleitung einher. Gleichzeitig helfen sie uns, schneller zu lernen: Was wirkt? Für wen? Und wie sicher? Wenn wir Studien unnötig kompliziert machen, verlieren wir nicht nur Tempo – wir verlieren vor allem neue Therapieoptionen für Menschen.

Dr. Philipp Schlatter (Country Head Germany, Global Product Development) und Dr. Julia Wagle (Country Medical Director, Roche Pharma AG).

Reality Check: Was sagen die neuesten Daten zum Studienstandort?

Q: Der Blick auf das aktuelle vfa-Studienstandort-Barometer: Was ist die eine wichtige Kernaussage?

Julia: Die Stimmung hat sich aufgehellt: Deutschland wird als Studien-Standort seit Sommer 2025 wieder attraktiver eingeschätzt, der Ausblick ist noch positiver – aber dieses Momentum muss jetzt auch genutzt werden. Und gleichzeitig sind bestimmte Bremsen nicht aus dem Weg geräumt: Personalmangel und eine unzureichende digitale Infrastruktur, die im Alltag häufig nicht entlastet, sondern zusätzliche Reibung erzeugt.

Q: Kannst du die Zahlen kurz einordnen?

Philipp: Im Januar 2026 liegt der Barometer-Gesamtwert bei +31 (Skala -100 bis +100). Die aktuelle Lage wird mit +27 bewertet, der Trend bei +34. Im Juli 2025 lag der Gesamtwert noch bei +9. Heißt: Rückenwind ist da – jetzt muss er im Alltag ankommen.

Q: Und der internationale Vergleich: Verlieren wir weiter?

Philipp: Laut vfa-Auswertung war Deutschland 2016 weltweit sehr weit vorne (Rang 2) und steht 2024 auf Rang 4, doch bei der tatsächlichen Beteiligung von Patienten (3 %) in globalen Studien ist Deutschland derzeit noch weit abgeschlagen. Gleichzeitig gibt es Anzeichen einer leichten Erholung bei neu gestarteten industriellen Studien. Das zeigt: Wir können wieder aufholen, wenn wir Prozesse vereinfachen und Zentren stärken.

Q: Bedeutet mehr "Tempo" vielleicht weniger Sicherheit?

Julia: Ganz einfach: Nein. Tempo heißt: klare, verständliche Prozesse, gute Aufklärung, weniger Schleifen, bessere digitale Unterstützung – damit Forschung und Versorgung sauber zusammenspielen. Das geht nie zu Lasten der Sicherheit. Diese hat immer oberste Priorität.

Praxisnutzen: Was hilft Ärzt:innen, Patient:innen und Angehörigen konkret?

Q: Was können Ärzt:innen tun, die an kein Studienzentrum angebunden sind, aber Studien als Option mitdenken wollen?

Philipp: Vernetzung und Klarheit schaffen:

  • Welche Zentren sind in der Region aktiv?

  • Wie laufen Zuweisung/Anfragen pragmatisch?

  • Wer ist Ansprechpartner:in in der eigenen Praxis/Klinik für Studienfragen?

Wenn das steht, wird Studienbeteiligung oft deutlich leichter. Und: Wir müssen insgesamt die Studienstrukturen so stärken, dass Ärzt:innen nicht zwischen Versorgung und Bürokratie aufgerieben werden.

Q: Was würdest du Patient:innen & Angehörigen raten?

Julia: Drei Schritte:

  1. Fragen notieren (Worum geht’s? Aufwand? Alternativen? Risiken?).

  2. Aktiv ansprechen: „Gibt es für meine Situation eine Studie?“

  3. Seriöse Infos nutzen und Unterstützung holen (z. B. Patient:innenorganisationen). Niemand muss das allein herausfinden, aber man darf sich trauen, die Tür überhaupt zu öffnen.

Q: Zum Schluss: Wenn ihr euch eine Sache wünschen könntet: Was müsste passieren, damit der Satz „Es gäbe da eine Studie …“ in Deutschland öfter fällt?

Julia: Wenn ich mir eine Sache wünschen dürfte, dann wäre es mehr Verständlichkeit und Orientierung: dass Patient:innen (und Angehörige) früh erfahren, dass Studien eine Option sein können – mit einem verständlichen Register, klaren Antworten zu Ablauf, Rechten, Aufwand und Sicherheit. Denn wenn Vertrauen entsteht, wird aus Skepsis eine informierte Entscheidung.

Philipp: Mein Wunsch wäre mehr Umsetzbarkeit im Alltag: ausreichend Studienpersonal in den Zentren und standardisierte, schlanke Prozesse: von Verträgen bis Dokumentation, unterstützt durch digitale Tools, die wirklich entlasten. Wenn der Start einfacher wird, fällt der Satz in der Praxis automatisch häufiger.

6 Mythen. 6 Fakten.

Mythos 1: „Ich bin ein Versuchskaninchen.“

Fakt: Klinische Studien folgen strengen Regeln, werden von Ethikkommissionen und Behörden geprüft und eng überwacht. Teilnehmende werden ausführlich aufgeklärt und entscheiden selbst.

Mythos 2: „In einer Studie bekomme ich vielleicht nur ein Placebo und werde nicht behandelt.“

Fakt: Niemand wird in einer Studie unversorgt gelassen. Gibt es bereits eine wirksame Standardtherapie, erhalten alle Teilnehmenden diese Basisversorgung – ergänzt um das neue Medikament oder ein Placebo (z.B. zur Verblindung). Nur wenn es keine etablierte Therapie gibt, kann ein reiner Placebo-Vergleich zulässig sein – und auch dann werden alle Teilnehmenden engmaschig medizinisch betreut und erhalten die bestmögliche unterstützende Behandlung (Best Supportive Care).

Mythos 3: „Studien sind gefährlicher als normale Behandlungen.“

Fakt: Studien sind darauf ausgelegt, Sicherheit systematisch zu prüfen. Es gibt klare Ein- und Ausschlusskriterien, definierte Kontrolluntersuchungen und ein enges Sicherheitsmonitoring. Risiken werden im Aufklärungsgespräch offen besprochen.

Mythos 4: „Ich muss das selbst bezahlen.“

Fakt: In der Regel entstehen Teilnehmenden keine zusätzlichen Kosten für studienbedingte Maßnahmen. Was übernommen wird (z.B. Untersuchungen, ggf. Fahrtkostenregelungen), wird vorab transparent erklärt.

Mythos 5: „Meine Daten sind nicht sicher.“

Fakt: Datenschutz hat hohe Priorität. Daten werden in der Regel pseudonymisiert (z.B. über eine Kennnummer) verarbeitet und unterliegen strengen gesetzlichen und organisatorischen Schutzmaßnahmen.

Mythos 6: „Studien sind nur für Schwerkranke.“

Fakt: Nein. Es gibt Studien in vielen Situationen: z.B. in frühen Krankheitsstadien, in der Nachsorge, zur Optimierung von Therapiesequenzen, manchmal auch zur Prävention oder Diagnostik. Ob eine Studie passt, hängt von Kriterien und individueller Situation ab – nicht nur vom „Schweregrad“.

Wo gibt es noch mehr Infos?

Der monatliche Newsletter bietet seinen über 45.000 Abonnent:innen Einblicke in medizinische Innovationen, Hightech und Gesundheitspolitik, die unsere Gesellschaft prägen.

Das könnte Sie auch interessieren

Standortelinkedintwitterinstagramyoutubesocial media community guidelinesZukunftslaborPolitik & Wirtschaft im DialogUmwelt & NachhaltigkeitImpressumRechtliche HinweiseDatenschutzBarrierefreiheitserklärungNewsletter

Links zu Websites Dritter werden im Sinne des Servicegedankens angeboten. Der Herausgeber äußert keine Meinung über den Inhalt von Websites Dritter und lehnt ausdrücklich jegliche Verantwortung für Drittinformationen und deren Verwendung ab.