Innovations- und Exportstärke der deutschen Pharmaindustrie:
Die Prognos-Studie 2026
Wer hierzulande nach einer typisch deutschen Leitindustrie mit hoher Innovationskraft und Wertschöpfung gefragt wird, denkt vermutlich zuerst an die Autoindustrie oder den Maschinenbau. Klar, schnelle, schöne und zuverlässige Autos, damit kann jeder etwas anfangen. Fast jeder fährt eines und jeder weiß um die Marken, die zwischen Wolfsburg und München vom Band rollen.
Was kaum jemand weiß: Es laufen noch ganz andere Hightech-Produkte über die Fließbänder der Republik. Von Medikamenten, die verhindern, dass Menschen erblinden, über Arzneimittel, die Krebspatient:innen länger leben lassen oder sogar heilen, bis zu neuartigen Gentherapien, wird zwischen Hamburg und München fast alles erforscht und produziert, was moderne Biotechnologie und pharmazeutische Forschung hergeben. Ist Deutschland also nicht nur Auto-, sondern auch Pharmaland? Ein Blick auf die Zahlen:
Auf einen Blick: Der Roche-Fußabdruck in Deutschland
Wie wichtig eine starke Gesundheitswirtschaft für Deutschland ist, zeigt ein Blick auf die aktuellen Kennzahlen der Prognosstudie (2026; Datenbasis 2024): 2
Arbeitsplätze als Wirtschaftsmotor: An den Aktivitäten von Roche hängen über 56.000 Arbeitsplätze in Deutschland. Jeder direkte Arbeitsplatz bei Roche sichert 2,1 weitere Jobs in der deutschen Volkswirtschaft.
Wertschöpfung mit Hebelwirkung: Von den rund 6 Mrd. Euro generierter Wertschöpfung profitiert das ganze Land – 1 Euro direkte Wertschöpfung bei Roche löst 1,60 Euro an zusätzlicher Wertschöpfung in Deutschland aus.
Forschung über dem Branchenschnitt: Mit 954 Millionen Euro für Forschung und Entwicklung (FuE) investiert Roche massiv in den Standort Deutschland. Die FuE-Intensität liegt mit 36,6 Prozent deutlich über dem Durchschnitt der Gesamtwirtschaft (2,4 Prozent).
Deutschland lebt vom Export. Produkte, die hier produziert werden, gehen in alle Welt und sichern maßgeblich unseren Wohlstand. Aber es gibt Unterschiede: Während einige Branchen Produkte exportieren, für die bereits ein großer Teil der Vorleistungen im Ausland erbracht wird, gibt es andere, die das meiste tatsächlich “made in Germany” erledigen. Wird ein Produkt aus im Ausland produzierten Teilen in Deutschland nur noch zusammengebaut oder gar verpackt, entsteht hierzulande wenig Wertschöpfung. Die Arbeit wird eben zum Großteil nicht hier erledigt. Andere Branchen produzieren dagegen fast ausschließlich hier. Vorprodukte und Vorleistungen kommen aus Deutschland, hier liegen die dafür notwendigen Arbeitsplätze, hier bleibt das Kapital. Wertschöpfungsintensiv nennt das der Volkswirt.
Besonders wertschöpfungsintensiv: Die pharmazeutische Industrie. Ihre Wertschöpfungsintensität liegt insgesamt bei 78 Prozent, noch vor dem Maschinenbau und der Autoindustrie.1
Die exportierte Bruttowertschöpfung der pharmazeutischen Industrie beläuft sich auf fast 40 Mrd. Euro pro Jahr.1 Mit diesen Exportüberschüssen sichert sie damit direkt und indirekt* in Deutschland weit über eine Viertelmillion meist hochqualifizierter Arbeitsplätze.1
Was versteht man unter direkten oder indirekten Effekten auf die deutsche Volkswirtschaft?
* Direkte Effekte
Die direkten Effekte beschreiben die unmittelbaren Auswirkungen einer Branche auf die deutsche Volkswirtschaft. Sie können sich auf den Beitrag einer Branche zum gesamtwirtschaftlichen Produktionswert, zur Bruttowertschöpfung oder auch auf die Anzahl der Erwerbstätigen beziehen.
Indirekte Effekte
Die Produktionstätigkeiten einer Branche erfordern Vorleistungsgüter. Der Bezug von Vorleistungsgütern führt wiederum zu einer erhöhten Produktion bei Lieferant:innen, welche ihrerseits wiederum Vorleistungsgüter für ihre Produktionsprozesse nachfragen. Die daraus entstehenden Effekte (z. B. Beschäftigung) werden indirekte Effekte einer Branche genannt.
Die gute Nachricht: Die industrielle Gesundheitswirtschaft hat nicht nur eine hohe Wertschöpfungsintensität, ihre Exporte wachsen im Vergleich zu anderen Branchen auch deutlich stärker. Zwischen 2010 und 2022 legten sie um 55 Prozent zu – während die der Autoindustrie und des Maschinenbaus etwa um 33 bzw. 16 Prozent zulegten.1 Mit einem stabilen, überproportionalen Wachstum, auch in wirtschaftlich unruhigen Zeiten, trägt die pharmazeutische Industrie so zur gesamtwirtschaftlichen Stabilität bei.
Kein Grund zur Sorge also?
Schaut man auf die deutschen Zahlen, scheint die pharmazeutische Industrie also gut dazustehen. Im internationalen Vergleich – und der ist, wenn es um Investitionen, neue Standorte, Arbeitsplätze und Co. geht, maßgeblich entscheidend für global agierende Unternehmen – sieht die Sache dagegen etwas anders aus. In anderen Ländern, etwa Japan, den USA, der Schweiz oder Irland, aber auch in Indien und China entwickeln sich die Wertschöpfungsexporte deutlich dynamischer als hierzulande.1
Insbesondere in der forschenden pharmazeutischen Industrie heißt das Geschäftsmodell “Innovationen”. Ein neues Produktdesign, eine neue Rezeptur, die nächste Kollektion oder das leicht überarbeitete Nachfolgemodell – so funktioniert Pharmaforschung in den seltensten Fällen. Ein Großteil des Geschäfts besteht aus Entwicklung und jahrelanger Erforschung neuer Moleküle – von denen ein Großteil im Laufe der Entwicklung scheitert. Das ist risikoreich, die Forschungsausgaben sind enorm – und sie steigen Jahr für Jahr weiter. Aktuell reinvestiert die pharmazeutische Industrie jeden fünften Euro ihrer Bruttowertschöpfung in Forschung und Entwicklung.
Die Investitionen scheinen sich auszuzahlen, denn auch die absolute Anzahl angemeldeter Patente steigt im pharmazeutischen Bereich. International betrachtet, fallen wir aber auch hier deutlich zurück. Hatte Deutschland 2010 noch einen Anteil von rund 6 Prozent an allen weltweit angemeldeten Pharmapatenten, lag er 2024 nur noch bei etwa drei Prozent.
Kurz: International verliert der Standort Deutschland deutlich an Bedeutung. Das liegt einerseits an aufstrebenden Standorten wie etwa China, ist aber bei Weitem nicht der einzige Grund, denn insbesondere bei der klinischen Forschung stellen wir uns selbst ein Bein – und zwar gleich an mehreren Stellen.
Will ein Unternehmen in Deutschland ein neues Arzneimittel in einer klinischen Studie erforschen, muss es sich mit 49 verschiedenen Ethikkommissionen6 mit uneinheitlicher Bewertungspraxis auseinandersetzen. Datenschutzrechtliche Prüfungen obliegen wiederum den 16 Landesbehörden.3 Auch hier gilt: Bewertungspraxis? Heterogen! Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte oder das Paul-Ehrlich-Institut sind als zuständige Bundesoberbehörden ohnehin involviert. Sind aber Untersuchungen angedacht, die eine strahlenschutzrechtliche Genehmigung erfordern, kommt noch das Bundesamt für Strahlenschutz ins Spiel.3 Ein zusätzlicher Stolperstein sind zudem die Vertragsverhandlungen zwischen dem pharmazeutischen Unternehmen, das die Studie durchführen möchte, und den Studienzentren. Was in Deutschland im Schnitt 200 Tage dauert, braucht in anderen Ländern nur ein Drittel der Zeit. In Frankreich und Spanien geben die Arzneimittelgesetze dazu etwa Musterverträge vor.3
Alles in allem sorgt das dafür, dass Deutschland – einstmals weltweit auf Platz 2 bei klinischen Studien – laut vfa mittlerweile auf den vierten Platz zurückgefallen ist. 3 Zudem machen umständliche Regulierung und überbordende Bürokratie (z.B. bei Anlagen- und Genehmigungsverfahren), eine im internationalen Vergleich hohe Steuerbelastung, zum Teil mangelhafte Infrastruktur (insbesondere in den Bereichen Energie, Digitalisierung und Datenzugang), aber auch eine hohe Inflation bei zugleich regulierten Preisen sowie Lockerungen beim Patentschutz, den Unternehmen hierzulande das Leben schwer.4
Hinzu kommt eine in die Jahre gekommene frühe Nutzenbewertung, die in Deutschland regelt, welchen Erstattungsbetrag ein neues Arzneimittel erhält. Sie kann neue Technologien und den rasanten medizinischen Fortschritt kaum noch abbilden. Aus formalen Gründen heißt es deshalb immer häufiger: Kein Zusatznutzen nachweisbar, kein angemessener Erstattungsbetrag für jahrelange, oft milliardenschwere Forschung.5 Ein System, das Innovationen und Neuentwicklungen bewertet, muss sich auch selbst stetig weiterentwickeln. Diese Weiterentwicklung hat nicht stattgefunden. Neue Studienkonzepte, neue Möglichkeiten zur Auswertung von Versorgungsdaten und völlig neue Wirkansätze, etwa Gentherapien oder immer personalisiertere Arzneimittel lassen sich mit zum Teil jahrzehntealten Maßstäben nicht mehr bewerten. Die Folge: Innovative Therapien verschwinden vom Markt oder kommen erst gar nicht in die Versorgung.
Während andere Staaten in den letzten Jahren konsequent daran gearbeitet haben, die Rahmenbedingungen für (klinische) Forschung und die industrielle Gesundheitswirtschaft insgesamt zu verbessern, hat sich Deutschland auf dem Status quo ausgeruht.
Das könnte sich nun ändern. Die aktuelle Bundesregierung hat erkannt, dass eine Kurskorrektur zwingend erforderlich ist, um Deutschland als Innovationsstandort wieder an die Weltspitze zu führen. Anstelle der bisherigen Initiativen wurde deshalb Ende 2025 unter Federführung des Kanzleramts der
Das erklärte Ziel dieses ressortübergreifenden Strategieprozesses: Bis 2026 sollen konkrete Maßnahmen erarbeitet werden, um bürokratische Hürden radikal abzubauen, klinische Prüfungen zu beschleunigen, die Nutzung von Gesundheitsdaten und Künstlicher Intelligenz zu stärken sowie resiliente Lieferketten aufzubauen. Neu und entscheidend ist dabei die bewusste Erweiterung um die Medizintechnik, um die gesamte industrielle Gesundheitswirtschaft als strategische Leitindustrie zu fördern.
Die Ideen und Ansätze dieses Dialogs sind vielversprechend und könnten dafür sorgen, dass wir Wertschöpfung und Arbeitskräfte im Land halten, bei internationaler Spitzenforschung am Ball bleiben und die Versorgung auch in weltpolitisch und wirtschaftlich schwierigen Zeiten sicherstellen können. Die industrielle Gesundheitswirtschaft ist innovationsstark und investitionsbereit. Allein Roche hat im Jahr 2025 Investitionsprojekte an den deutschen Standorten im Gesamtwert von rund
Die pharmazeutische Industrie gehört zu den wertschöpfungsintensivsten Branchen in Deutschland. Mit einer Wertschöpfungsintensität von 78 Prozent erbringt sie den Großteil ihrer Leistungen direkt im Inland und liegt damit vor traditionellen Leitindustrien wie dem Maschinenbau und der Autoindustrie.
Die Pharmabranche fungiert als konjunktureller Anker. Im Jahr 2024 belief sich die Bruttowertschöpfung der deutschen Gesundheitswirtschaft auf 490,2 Milliarden Euro, was 12,5 Prozent der gesamten Wirtschaftsleistung entspricht. Zwischen 2015 und 2024 wuchs die Branche mit durchschnittlich 4,9 Prozent pro Jahr überproportional stark.
Die forschende Pharmaindustrie investiert massiv in die Zukunft und weist 2024 eine branchenweite interne FuE-Intensität von 25,3 Prozent auf. Bei Roche in Deutschland liegt die FuE-Intensität sogar bei 36,6 Prozent. Zum Vergleich: Die deutsche Gesamtwirtschaft investiert im Schnitt nur 2,4 Prozent in Forschung und Entwicklung.
Deutschland verliert im internationalen Innovationswettbewerb an Boden. Lag der deutsche Anteil an den globalen PCT-Pharmapatenten 2010 noch bei über 6 Prozent , ist er bis 2024 auf 3 Prozent gesunken. Gleichzeitig dominieren die USA mit 39 Prozent , während der Anteil Chinas auf 20 Prozent angewachsen ist.
2016 belegte Deutschland weltweit Platz 2 bei klinischen Studien. Mittlerweile ist der Standort auf den vierten Platz zurückgefallen. Hauptgründe sind oft langwierige Bürokratie, uneinheitliche Bewertungspraktiken bei Ethikkommissionen und Landesbehörden sowie langsame Vertragsverhandlungen.
Das etablierte System der Nutzenbewertung bei Arzneimitteln basiert in Deutschland teils auf jahrzehntealten Maßstäben und tut sich schwer damit, den rasanten medizinischen Fortschritt abzubilden. Völlig neue Wirkansätze und moderne Studienkonzepte lassen sich mit dem bestehenden Rahmenwerk häufig nicht mehr adäquat bewerten.
Der Pharma- und MedTech-Dialog ist die zentrale Initiative der aktuellen Bundesregierung (Start Ende 2025), um die Rahmenbedingungen für den Innovationsstandort Deutschland wettbewerbsfähig zu machen. Ziele sind unter anderem ein radikaler Bürokratieabbau, die Förderung von Gesundheitsdaten und KI sowie die ganzheitliche Stärkung der Pharma- und Medizintechnikbranche als strategische Leitindustrie.
Referenzen
[1] Kurzstudie: Wie wertschöpfungsintensiv und innovationsstark sind die deutschen Pharmaexporte?, PROGNOS (2023)
[2] Impact Analyse - Roche Deutschland, PROGNOS (2026)
[3] vfa, Deutschland-Tempo statt Bürokratie-Trägheit, Positionspapier (2023)
[4] ZEW, Innovationsindikator BDI (2023)
[5] Frühe Nutzenbewertung nach AMNOG und Auswirkungen auf die Vertragsärzte, Arzneiverordnung in der Praxis, Ausgabe 1/2016; Arzneimittelkommisssion der deutschen Ärzteschaft (AKDAE)
Ansprechpartner
Dr. Tobias Hackmann
Excellence Lead Industrielle Gesundheitswirtschaft
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