Dr. Pavel Khaykin, Facharzt für Innere Medizin und Infektiologie, über das Hepatitis-Screening im Rahmen des Check-up 35, seine Erfahrungen mit Risikogruppen im Frankfurter Bahnhofsviertel und wie wir doch noch die WHO-Ziele erreichen können.
Hepatitis B und C ist in Deutschland wieder auf dem Vormarsch. Woran liegt das?
Es gibt hierfür mehrere Ursachen. Ein Grund ist mit Sicherheit die Einführung des Hepatitis-Screenings im Rahmen des Check-up 35 im Jahr 2021. Dadurch ist die Awareness für das Thema deutlich gestiegen und es wird sowohl in Fach- auch als Hausarztpraxen mehr getestet – mit dem Ergebnis, dass mehr Infektionen detektiert und gemeldet werden. Ein weiterer Faktor ist der verstärkte Zuzug von Menschen aus Osteuropa, wo die Prävalenz teilweise zehnfach höher als in Deutschland ist.
War die Einführung der GOP 01734, dem einmaligen Screening auf Hepatitis B und C ab 35 Jahren, aus ihrer Sicht erfolgreich?
Ich denke man muss das differenziert betrachten. Grundsätzlich war es ein Schritt in die richtige Richtung, wie die Zahl der detektierten Infektionen zeigt. Allerdings muss man sich auch im Klaren sein, dass immer noch zu viele Arztpraxen den Test nicht von sich aus anbieten. Häufig aus dem Grund, dass es sich hier um eine erklärungsbedürftige Diagnostik handelt und die Honorierung suboptimal ist. Ein weiteres Problem: Wichtige Risikogruppen wie Drogenabhängige, Menschen mit Migrationshintergrund, Inhaftierte oder Menschen ohne festen Wohnsitz sind in der typischen Check-up 35-Population unterrepräsentiert.
Eine Datenabfrage beim Zentralinstitut für die Kassenärztliche Versorgung (Zi) zeigt, dass 2024 ein großer Anteil der Versicherten ab 35 Jahren am Check-up 35 teilnehmen und nur ein Drittel auf Hepatitis B und C gescreent wurde.¹ Wie können wir hier besser werden?
Neben Vergütungsfragen müssen wir weiter über das Thema aufklären und uns immer wieder klar machen, dass Hepatitis jeden treffen kann – auch wenn die Prävalenz relativ gering ist. Dies gilt besonders vor dem Hintergrund, dass die Folgen einer unentdeckten Hepatitis-Infektion gravierend sind und es mittlerweile effektive Therapien sowohl für Hepatitis B als auch C gibt. Dazu kommt, dass der Blick auf die Risikogruppen häufig viel zu eindimensional ist und sich auf Menschen am gefühlten Rand der Gesellschaft konzentriert. Dabei sieht man Menschen meistens nicht an, ob sie zu einer Gruppe mit erhöhtem Risiko gehören oder mit Personen daraus verkehren, wie beispielsweise Männer mit häufig wechselnden männlichen Sexualpartnern. Wichtig wäre auch, dass die breite Bevölkerung besser über das Thema informiert wird und aktiv nach dem Test fragen kann.
Wie können wir die Versorgungslücken bei den Risikogruppen schließen?
Meine Praxis liegt im Frankfurter Bahnhofsviertel, da sind Erstdiagnosen im Rahmen des Check-up 35 keine Seltenheit. Die einmalige Testung reicht bei Risikogruppen bei weitem nicht aus – noch dazu, weil viele meiner Patient:innen durch das Check-up 35-Raster fallen. Deshalb plädiere ich für eine gezielte und regelmäßige Testung von Risikogruppen, was übrigens auch eine klare Empfehlung der Fachgesellschaften ist. Hierbei handelt es sich um diagnostische Tests mit anderen Abrechnungsziffern, die beliebig oft durchgeführt werden können. Außerdem sollten wir auch außerhalb des Check-up 35 an chronische Hepatitis denken und Symptome wie ständige Müdigkeit und anhaltend erhöhte Transaminasen im Blick behalten.
Die WHO hat das Ziel gesetzt, Hepatitis B und C bis 2030 einzudämmen. Was muss passieren, dass wir das noch erreichen können?
Ich denke, dass hier alle Beteiligten gefordert sind: Arztpraxen, Krankenkassen und nicht zuletzt die Politik. Neben einer Erhöhung der Screening-Rate im Rahmen des Check-up 35 und einer häufigeren und gezielten Testung von Menschen mit erhöhtem Risiko, müssen wir auch den Zugang von vulnerablen Gruppen zu Therapien verbessern. Dies betrifft beispielsweise Menschen ohne Krankenversicherung oder ohne festen Wohnsitz. Hier ist es Aufgabe der Politik, eine Finanzierung außerhalb der GKV zu ermöglichen. Wenn wir jetzt alle an einem Strang ziehen und schnell und entschlossen handeln, könnte es mit dem Erreichen der WHO-Ziele noch klappen.
¹ Zentralinstitut für die Kassenärztliche Versorgung (ZI), persönliche Datenabfrage vom 30.06.2025
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