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Krankenhauslabore stehen vor großen Herausforderungen, wie auch die Kliniken selbst, denen sie angegliedert sind. Zwischen Kostendruck, Fachkräftemangel und ihrer wichtigen Funktion für die medizinische Versorgungsqualität kämpfen Krankenhauslabore für realistische und zukunftsträchtige Lösungen. Christian Magiera, technischer Laborleiter am Krankenhaus Ludmillenstift in Meppen, spricht im Interview über mögliche Ansatzpunkte: Automatisierung, Ausbildungsreform sowie die Anerkennung des Labors und seiner Rolle innerhalb der stationären Versorgung.

Ein Interview mit mit Christian Magiera

Christian Magiera, Technischer Laborleiter am Krankenhaus Ludmillenstift in Meppen

Christian Magiera arbeitete nach seiner Ausbildung zum MTA in Osnabrück und anschließender Tätigkeit am dortigen Institut für Pathologie von 1994 bis 2006 beim Sanitätsdienst der Bundeswehr, seit 1998 als leitender MTA. Dabei war er an verschiedenen Lazaretten, Bundeswehrkrankenhäusern und Sanitätsregimentern sowie in Auslandseinsätzen im Kosovo, Bosnien und Norwegen tätig. Er verfügt über Zusatzqualifikation unter anderem in der Medizintechnik, Wirtschaftsinformatik und Personalführung. Nach einer Station beim Impfstoffhersteller Sanofi Pasteur MSD in Heidelberg, wo er an der Einführung eines HPV-Impstoffes mitwirkte, wechselte er im Jahr 2010 zum Zentrallabor am Ludmillenstift Meppen, wo er seit 2014 Technischer Laborleiter ist.,

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Herr Magiera: Hand aufs Herz: Brauchen Krankenhäuser zwingend ein eigenes Zentrallabor – auch kleine und mittelgroße Häuser?

Magiera: Das Labor ist in der Tat ein wichtiger Teil der stationären medizinischen Versorgung. Es geht generell um Geschwindigkeiten und darum, mit kürzeren Wegen schnellere Therapien zu ermöglichen. Das Ludmillenstift ist beispielsweise ‚nur‘ ein mittelgroßes Haus, aber wir sind auch als überregionales Traumazentrum zertifiziert, mit einer eigenen Hubschrauberlandeeinrichtung und eigener Blutbank. Dazu gehört, dass wir eine sehr breit gefächerte Notfallanalytik anbieten und bestimmte Geschwindigkeitsvorgaben einhalten. Es schafft also einen Mehrwert für Patienten und die medizinische Versorgung insgesamt, das Labor als medizinische Kernkompetenz des Krankenhauses zu erhalten.

Eine Kernkompetenz, die finanziell nicht leicht zu stemmen ist, gerade in kleineren Häusern…?

Magiera: Die Frage nach dem Kosten-Nutzen-Verhältnis und den Möglichkeiten des Outsourcings oder Teil-Outsourcings hängt natürlich auch davon ab, wie ein Haus aufgestellt ist. Synergien kann man dabei in verschiedenen Modellen und an unterschiedlichen Stellen schaffen, beispielsweise durch Einkaufsgemeinschaften. Oder durch die Kooperation mit anderen Laboren bei Spezialuntersuchungen. Für ein Provinzhaus haben wir am Ludmillenstift beispielsweise ein breites Angebot, unter anderem eine umfangreiche Molekularbiologie zusätzlich zur klinischen Chemie. Für Spezialuntersuchungen arbeiten wir zudem mit dem MVZ Labor Münster zusammen. Auch die Bearbeitung von Aufträgen niedergelassener Ärzte ist ein Standbein unseres Labors.

Die medizinische Versorgung steht vor großen Herausforderungen, auch in der Labormedizin. Welche sind die drängendsten?

Magiera: Der demografische Wandel und die technologischen Entwicklungen stellen uns vor große Herausforderungen, die wir aktiv anpacken müssen. In unserem Labor steht uns eine Pensionierungswelle bevor und wir müssen – im Wettbewerb mit vielen anderen – Nachwuchs gewinnen und halten. Wir tun sehr viel, um die Arbeitsplätze attraktiv zu gestalten, etwa ein rollierendes Schichtsystem, durch das wir die Nachteile eines 24/7 Betriebs für die Mitarbeitenden sowohl zeitlich als auch finanziell ausgleichen. Mit Angeboten wie einer Kita können wir zudem die Familienfreundlichkeit verbessern. Und wir fördern gezielt das Betriebsklima, etwa mit Veranstaltungen zur Teambildung oder unserer Betriebsfeier. Wichtig ist zudem, dass das Labor nach außen, aber auch nach innen bei den klinikeigenen Abteilungen sichtbarer werden muss. Auch hier sind wir sehr aktiv und organisieren Veranstaltungen, etwa Führungen und Girls Day, und wir präsentieren uns online. Aber für die Herausforderungen der Zukunft wird das alles nicht reichen. Deshalb sollten wir auch Möglichkeiten prüfen, wie uns beispielsweise Roboter im Labor sinnvoll unterstützen können – und diese umsetzen.

Stichwort Robotik: Was können denn Roboter im Labor leisten?

Magiera: In der Tat bietet der Fortschritt bei der Laborrobotik große Chancen. Laborroboter können etwa den Anteil mühsamer repetitiver Tätigkeit verringern und Probleme wie unattraktive Schichtarbeit und Personalmangel entschärfen. Allerdings muss die Ausbildung der Labormitarbeitenden diese Entwicklungen auch abbilden und mit den neuen Möglichkeiten Schritt halten. Veraltetes muss raus aus den Lehrplänen, dafür muss der Stellenwert technischer Themen und Kompetenzen deutlich steigen. Denn Automatisierung ist nur gut, wenn die entsprechenden Systeme von Menschen präzise gepflegt und gewartet werden können.

Wie beurteilen Sie in diesem Zusammenhang das neue MT-Reformgesetz?

Magiera: Das am 1. Januar dieses Jahres in Kraft getretene Gesetz verfolgt das Ziel, die ‚Ausbildungen der Berufe in der medizinischen Technologie zeitgemäß attraktiv auszurichten und zukunftsorientiert weiterzuentwickeln‘. Das ist enorm wichtig und es ist gut, dass man sich ausführlich damit befasst und konkrete Lösungen erarbeitet hat. Aus Sicht der Praxis bestehen aber noch erhebliche Fragen und auch Sorgen darüber, ob sich bestimmte Regelungen so umsetzen lassen oder auch, ob sich mit ihnen der intendierte Zweck überhaupt erreichen lässt.
Beispielsweise hat sich Deutschland in der EU verpflichtet, medizinische Assistenzberufe zu akademisieren. Wir sind also hier wie unsere Nachbarländer in der Pflicht zur Akademisierung – gleichwohl geht das MTA-Reformgesetz mit seiner Ausweitung der praktischen Ausbildung einen anderen Weg.

Welche Herausforderungen sehen Sie konkret in der Umsetzung des MT-Reformgesetzes?

Magiera: Die Vorgabe, dass stets ein Ausbilder präsent sein muss, natürlich mit der entsprechenden vorgeschriebenen Zusatzqualifikation, stellt viele Krankenhauslabore vor Schwierigkeiten. Viele Kolleginnen und Kollegen im Routinebetrieb haben sich ja bewusst gegen eine Tätigkeit als Lehr-MTA entschieden. Außerdem können gerade kleinere und mittlere Häuser nicht immer alle geforderten Disziplinen abdecken, etwa die Histopathologie. Das heißt, viele Krankenhauslabore müssen für die Umsetzung der Ausbildungsreform Kooperationen mit anderen Laboren eingehen.
Auch für die Auszubildenden selbst ist die Reform in einigen Punkten nicht realistisch. Um beispielsweise die geforderten Disziplinen abzudecken, müssten sie ihre Ausbildung unter Umständen an verschiedenen Standorten machen – das bedeutet, mehrere Male eine Wohnung zu suchen und umzuziehen, und dies bei kleinem Gehalt. Gerade auf dem Land halte ich das für nicht umsetzbar.
Dies alles sind für Krankenhauslabore, die primär auf Effizienz getrimmte Routinebetriebe sind, große Hürden, die im MTA-Reformgesetz nicht ausreichend bedacht werden.

Welche Ansatzpunkte und Ideen haben Sie im Blick, um die Ausbildung zu reformieren und den Fachkräftemangel wirksam zu bekämpfen?

Magiera: Meine Ansatzpunkte sind die Attraktivität der Ausbildung und, ganz wichtig, auch der Berufsausübung danach sowie ein stärkerer Schwerpunkt auf den technischen Themen und Kompetenzen. Ich stelle mir eine kurze, fachhochschulgebundene Ausbildung von insgesamt zwei Jahren mit abschließendem Staatsexamen / Bachelor vor, die veraltete Lehrinhalte konsequent aussortiert, das Pflegepraktikum herausnimmt, im Gegenzug aber die Inhalte Elektrotechnik und Robotik erweitert. Somit hätten Auszubildende beziehungsweise Studierende nicht nur die Aussicht, in kurzer Zeit einen guten Verdienst zu erzielen, sondern auch, ihre Karrieremöglichkeiten effektiv verbessern zu können, indem sie auf die akademische Ausbildung aufbauen. Dies würde meiner Meinung nach dem Fachkräftemangel schon in kurzer Zeit entgegenwirken. Wir müssen dafür sorgen, dass auch nach der Ausbildung die Arbeitsbedingungen attraktiv sind. Sonst sind sie leider keine Antwort auf den Fachkräftemangel und andere Herausforderungen in der labormedizinischen Versorgung.

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