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Labormedizin in Pandemiezeiten – mit SARS-CoV-2 kamen zahlreiche Herausforderungen auf Nina Beikert und ihr Team von Labor Berlin zu. Von der technischen Ausrüstung bis hin zum Personal musste aufgestockt werden, ein neues Hygienekonzept wurde in Windeseile etabliert und stetig den neuesten Erkenntnissen angepasst. Nina Beikert erinnert sich an die vergangenen zwei Pandemiejahre zurück und wirft außerdem einen Blick in die Zukunft.

Ein Interview mit Nina Beikert, Geschäftsführerin von Labor Berlin, zum Wert der Diagnostik in Pandemiezeiten und ihrem persönlichen Umgang mit der Krise

Nina Beikert
Geschäftsführerin Labor Berlin

E-Mail: nina.beikert@laborberlin.com

Beikert: Wir haben als erstes Labor in Deutschland die SARS-CoV-2-Diagnostik in der Patient:innenversorgung etabliert. Aufgrund der Prominenz, die unser Fachbereichsleiter Virologie, Christian Drosten, schnell erreichte, wurden wir von Beginn an mit Testanfragen überschüttet. In kürzester Zeit haben wir reagiert und unsere Testkapazitäten massiv aufgestockt. So haben wir beispielsweise bereits im März 2020 mehrere cobas 6800 und cobas 8800 bei uns in Betrieb genommen. Später haben wir weitere Verfahren und Methoden etabliert: Varianten-PCR, Sequenziertechnologien und so weiter.

Mit den aufkommenden Varianten gab es erneut Veränderungen: So standen wir am Anfang der Omikronwelle, als die Infektionszahlen massiv anstiegen und die Ausbreitung noch mit Hilfe von PCR nachverfolgt wurde, vor der Aufgabe, über 6000 PCR-Tests pro Tag abzuarbeiten. Vor der Pandemie waren es etwa 2000 pro Woche.

Wie hat die Pandemie Sie und Ihr Team persönlich betroffen?

Beikert: Viele von uns hatten mit zahlreichen Herausforderungen persönlicher Art zu tun: Sie hatten große Sorgen um ihre Angehörigen, mussten sich um Betreuungsmöglichkeiten für ihre Kinder kümmern, einzelne infizierten sich selbst und wurden krank, Kolleg:innen sprangen ein. Für mich war es beruhigend zu sehen, wie herausragend das Team zusammenarbeitete, wie hilfsbereit und engagiert alle waren.

Unser Leitungsteam hatte die Aufgabe, in einer Zeit voller Unklarheiten Krisenmanagement zu betreiben. Wir hatten eine erhebliche Verantwortung für die Krankenversorgung in Berlin und darüber hinaus: fast die Hälfte aller Corona-Proben aus Berlin wurden bei Labor Berlin analysiert. Ich habe mir in dieser Zeit immer wieder die Frage gestellt: „Wie kann ich meiner Verantwortung, insbesondere für die Patient:innen in den Kliniken, gerecht werden, welche Entscheidungen kann ich persönlich vertreten?“ Dieser moralische Kompass hat mich durch die gesamte Pandemie geleitet. Für mich war beispielsweise klar, dass es besser ist, Geld in eventuell später nicht benötigte Kapazitäten zu investieren, als womöglich nicht gut genug ausgerüstet zu sein und damit die Patient:innenversorgung zu gefährden.

Für mich persönlich war die Zeit auch noch aus einem ganz anderen Grund herausfordernd: Ich bekam im April 2020 die Diagnose „Hypophysentumor“, musste mich kurze Zeit später einer Gehirn-OP unterziehen und fiel dann selbst eine Zeitlang aus. Aber auch in dieser Situation wusste ich, ich kann mich hundertprozentig auf mein Team verlassen, das während der ganzen Zeit da war und meine Aufgaben übernahm, bis ich wieder einsteigen konnte.

Wenn Sie Ihren Blick in die Zukunft richten: Wird uns das Virus noch lange beschäftigen?

Beikert: Ja, ich gehe davon aus. Unsere Virolog:innen halten es für wenig wahrscheinlich, dass der Sommer 2022 so entspannt wird wie der im letzten Jahr, da die Fallzahlen aktuell noch so hoch sind und gerade die neueren Virus-Varianten deutlich leichter übertragbar sind. Und wir alle befürchten, dass wir im Herbst vor ähnlichen Herausforderungen stehen werden wie 2021. Bis wir nicht nur durch die Impfimmunität in Form von Antikörpern und Immunzellen vor einem schweren Verlauf, sondern auch vor einer Infektion ausreichend geschützt sind – bis also auch in den Schleimhäuten der oberen Atemwege ein ausreichender Immunschutz gegen das Virus erreicht ist – werden wir alle noch mehrmals mit dem Erreger in Kontakt gekommen sein müssen.

Wie stellen Sie sich auf die kommenden Coronawellen ein?

Beikert: Wir stehen im Moment vor der Frage: Wie viele Testkapazitäten sollen wir in Zukunft vorhalten? Das Infektionsgeschehen ist hier die eine Sache. Die andere sind aber die gesetzlichen Regelungen und auch die Strategie im Umgang mit dem Virus, die einen immensen Einfluss auf die notwendigen Testkapazitäten in den Laboren haben.

Wir brauchen hier Orientierung durch die Politik. Wir benötigen eine klare und schnelle Antwort auf die Frage: Welche Kapazitäten sollen wir weiter vorhalten? Das liegt nicht allein in unserer Hand und die Kapazitäten lassen sich nicht beliebig schnell aufbauen.

Bereits im letzten Frühjahr hatten wir übrigens eine ähnliche Diskussion, als viele davon ausgingen, dass die Pandemie zu Ende geht. Bemerkenswert in diesem Zusammenhang ist, dass die meisten Labore in unserem Land sich entschieden haben, die Kapazitäten in ihren Laboren aufrechtzuerhalten bzw. noch weiter auszubauen, und das, obwohl die Auslastung im Sommer gering war und gerade viele Politiker:innen die Fallzahlen für den Herbst wesentlich geringer einschätzten als es dann kam. Und auch die Industrieunternehmen wie Roche haben uns Diagnostiklabore weiterhin mit Geräten und Support unterstützt. Das war eine sehr große Hilfe.

Inwiefern hat der Wert der Diagnostik und dessen Wahrnehmung in der Öffentlichkeit einen Wandel erfahren?

Beikert: Die Diagnostik ist im Grunde in den Wohnzimmern der Menschen angekommen. Seit Begriffe wie „PCR“ oder „Antigentests“ im täglichen Sprachgebrauch angekommen sind und wir es gewohnt sind, uns auch zu Hause zu testen, ist den Menschen der Wert der In-vitro-Diagnostik viel bewusster geworden. Das ist gut und wird auch in Zukunft – im Zusammenhang mit anderen medizinischen Fragestellungen sowie im Rahmen der Prävention – eine Rolle spielen.

Sehen Sie hinter der COVID-19-Pandemie eine Chance für unsere Zukunft – und wenn ja, worin besteht sie?

Beikert: Besonders in Bezug auf Digitalisierung und Vernetzung hat sich die Welt – nicht nur die Laborwelt – stark gewandelt. Vieles davon ist gut. Dass wir unser Interview heute per Google Meet durchführen, haben wir im Grunde der Pandemie zu verdanken. Eine Kernaufgabe der Labormedizin ist es, Gesundheitsdaten zur Verfügung zu stellen. Dabei würde ich mir wünschen, dass wir – bei aller Vorsicht in Sachen Datenschutz – den Schutz der Gesundheit der Menschen in den Vordergrund stellen. Gerade in der Pandemie, zum Beispiel bei den Beschränkungen der Corona-Warn-App, ist klar geworden, dass Gesundheitsschutz vor Datenschutz stehen sollte.

Vielen Dank für das Interview, Frau Beikert!

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