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In der Corona-Pandemie sind Arbeit und Leistungsfähigkeit der Labore ins Licht der Öffentlichkeit gerückt. Mit der schnellen und massiven Erhöhung der PCR-Testkapazitäten gelang ihnen ein beispielloser Kraftakt. Die Arbeitsbelastung während der Pandemie brachte die Labor-Mitarbeitenden aber auch an ihre Grenzen. Doch für eine Regenerationsphase bleibt auch nach der Pandemie wenig Zeit: Alte und neue Probleme wie demografischer Wandel, schwankende Probenmengen, Fachkräftemangel und Kostendruck stellen Labore vor enorme Herausforderungen. Beim Roche Live Talk „Das Labor der Zukunft“ diskutierten Branchenexpert:innen darüber, wie diese gemeistert werden können und welche Lehren aus der Pandemie dabei wichtig sind.

Am Roche Live Talk nahmen teil:

  • Ingo Hänßel, Prozessberater am MVZ Labor Dr. Stein & Kollegen in Mönchengladbach

  • Nikolaus Wintrich, Chief Operating Officer bei Labor Berlin - Charité Vivantes GmbH

  • Gudrun Aretzweiler, Abteilungsleitung Molekulare Diagnostik am MVZ Dr. Stein & Kollegen in Mönchengladbach

  • Prof. Dr. Marco Kachler, Professor an der FH Kärnten in Klagenfurt, Präsident des DIW-MTA Berlin, Leiter der Lehrplankommission MT-Berufe und Sprecher der Expertengruppe für das BMG „MTAPrV”

  • Dr. med. Konrad Bode, Bereichsleitung Molekulare Diagnostik/ Serologie/ Immunologie/ Genetik und Abteilungsleiter Molekulare Diagnostik am MVZ Labor Dr. Limbach in Heidelberg

  • Dr. med. Markus Lütge, ärztlicher Direktor und Geschäftsinhaber der MVZ Dr. Lütge GmbH, Salzgitter-Bad

Labore in Deutschland führten im Januar 2022 fast drei Millionen PCR-Testungen pro Woche durch¹ – eine vielfache Erhöhung ihrer Kapazitäten in kurzer Zeit und ein enormer Leistungsausweis, der die hohe Flexibilität und Organisationsfähigkeit der Labore sichtbar machte. Digitalisierung, Automation und gut ausgebildete Mitarbeitende waren dabei entscheidende Erfolgsfaktoren. „In der Pandemie wurden wir am Anfang überrannt. Danach haben wir umstrukturiert, um unsere exzellenten Mitarbeitenden behalten zu können. Wir haben uns breiter aufgestellt und decken neue Felder ab, um das Labor zukunftsfähig zu halten“, berichtete Bode. Die Pandemie habe die Anzahl an Tests und Geräten erhöht. Nun müsse man Wege finden, diese Geräte weiter auszulasten. „Die Medizinischen Technolog:innen für Laboratoriumsanalytik können nach der Pandemie wieder auf Normallevel arbeiten, das bietet die Chance, sich der Spezialanalytik oder neuen Technologien zu widmen“, fasste Aretzweiler zusammen. Viele Labore sind dafür bereits gut gerüstet und haben ihre Labore auf ein System konsolidiert, mit dem alle Untersuchungen durchgeführt werden. Eine Ausweitung des Test-Portfolios schafft darüber hinaus mehr Flexibilität. Der Vorteil liegt darin, dass in einem Durchlauf Tests zu verschiedenen Indikationen – z.B. HPV, SARS oder Influenza – durchgeführt werden können.

Der Kostendruck ist für Labore stets spürbar, trotz des guten Kosten-Nutzen-Verhältnisses der Labordiagnostik: Knapp zwei Drittel aller klinischen Diagnosen basieren maßgeblich auf Laboruntersuchungen, aber diese machen nur einen kleinen Anteil der Gesundheitskosten aus. In der Tat entfallen nur drei Prozent der Gesamtausgaben der Gesetzlichen Krankenkassen auf Laboruntersuchungen.²

Dennoch wird sich auch in den Laboren der Kostendruck aus Sicht der Expert:innen weiter verstärken. Eine wesentliche Ursache ist dabei die Altersstruktur der Gesellschaft: Mit einem Durchschnittsalter von 44,9 Jahren (2019) sind die Deutschen doppelt so alt wie die Weltbevölkerung.³ Das bringt einen erhöhten Bedarf an Diagnostik und an personalisierter Medizin mit sich sowie eine hohe finanzielle Belastung des Gesundheitssystems. „Der Kostendruck bleibt eine der größten Herausforderungen für Labore, insbesondere im Krankenhaussektor – bei gleichzeitig hohen Ansprüchen an die Diagnostikqualität und -geschwindigkeit”, ist Wintrich überzeugt. Effiziente Lösungen und kontinuierliche Prozessoptimierungen spielen deshalb eine entscheidende Rolle.

Darüber hinaus müssen Labore schwankende Probenaufkommen bewältigen. „Zwar gab es in der Zytologie immer schon Schwankungen, etwa deutlich mehr Tests zur Krebsvorsorge im Winter“, betonte Lütge. Die Herausforderung sei aber seit Einführung des Co-Testings deutlich gewachsen. Durch die zusätzliche HPV-Testung alle drei Jahre fielen in diesen Co-Testing-Phasen 17.000 Proben pro Woche an, gegenüber 6.000 Proben wöchentlich in den schwachen Sommermonaten der übrigen Jahre. „Das ist nicht schön, aber damit müssen wir umgehen“, beschrieb Lütge. „An unserem MVZ etwa haben wir viele Disziplinen unter einem Dach zusammengefasst: Gynäkologie mit ambulanten Operationen, Kolposkopie, Zytologie und Pathologie. Wir arbeiten mit Dünnschichtpräparaten, die vom Computer gescannt werden, und jetzt neu auch mit der digitalen Zytologie, die eine 1.000-fache Vergrößerung bietet. So können wir eine optimale Früherkennung leisten und haben einen Wettbewerbsvorteil.“ Auch in der Infektionsdiagnostik sind unregelmäßige Probenaufkommen Alltag. „Wir reagieren darauf, indem wir etwa die Urlaubsplanung nach Influenzawellen ausrichten. In ruhigeren Zeiten können wir unser hochqualifiziertes Personal in der Studienabteilung einsetzen und bei Engpässen bekommen wir von dort Unterstützung durch gut ausgebildetes Personal. So schaffen wir Synergien und haben mehr personelle Flexibilität“, erläuterte Bode.

Ein hoher Grad an Automation ist ein essenzieller Lösungsansatz, um mit unterschiedlichen Probenaufkommen und hoher Arbeitsbelastung sinnvoll umzugehen. „In der Pandemie hat sich der Blick auf die Laborprozesse geändert: Wo gibt es Engpässe, was mache ich bei Personal- oder Materialmangel und wie kann ich Prozesse flexibel gestalten und Aufgaben effizient bewältigen“, beschrieb Wintrich. Repetitive manuelle Tätigkeiten können automatisiert und frei werdende Zeit für anspruchsvollere Aufgaben genutzt werden, etwa die molekulargenetische Spezialdiagnostik oder mikrobiologische Typisierung von Krankheitserregern. „Dazu brauchen wir modulare Lösungen für kleine und große Labore mit unterschiedlichen Durchsätzen“, erläuterte Wintrich. „Über den Einsatz von passenden Systemen und Modulen hinaus müssen wir Digitalisierung und Automation aber auch konsequent in Prozesse einbinden und die Mitarbeitenden entsprechend ausbilden und mitnehmen“, betonte Hänßel. Dabei haben sich die Anforderungen an das Laborpersonal erweitert. „Die Mitarbeiter:innen müssen sowohl manuell arbeiten als auch komplexe automatisierte Systeme bedienen können“, betonte Kachler. „Die MTL der Zukunft sind Prozessmanager und KI-Unterstützer. Manuelle Tätigkeiten werden aber zurückgehen, weil vieles automatisiert werden kann.“ Automation kann auch die Qualität der Analysen steigern. Denn selbst die fähigsten Mitarbeitenden machen zuweilen Fehler: „Maschinen sind robust gegenüber Fehlern und können auch von Angestellten mit weniger Ausbildung bedient werden“, sagte Hänßel.

Standards sind eine wichtige Voraussetzung für Automation, ihr Fehlen macht die Arbeit aufwändig. „Während der Pandemie haben wir beispielsweise verschiedene Arten von Probenbehältern mit jeweils uneinheitlicher Beschriftung zugeschickt bekommen. Dies erschwerte die Bearbeitung enorm“, erinnerte sich Hänßel. Dafür gäbe es jedoch bereits Lösungsvorschläge, etwa standardisierte Probenbehälter mit QR-Code an einer festgelegten Stelle. „Wir müssen automatisieren, standardisieren und Fehlerquellen reduzieren. Dann können Hilfskräfte und Fachfremde leichter und schneller einsteigen. Die raren Fachkräfte können dann ihre Expertise dort einsetzen, wo sie unverzichtbar ist“, betonte Aretzweiler. „Jedes Labor ist zwar anders, aber wir haben am Ende alle die gleichen Herausforderungen: Prozesse abstimmen, so wenige Wege wie möglich gehen und Verschwendung vermeiden“, betonte Hänßel.

„Die Digitalisierung ist das Rückgrat jeder guten Diagnostik, angefangen von der Präanalytik über Analytik bis zur Befundübermittlung“, sagte Bode. Labore seien schon seit Jahrzehnten digital, ebenso wie die Radiologie. Die eigentliche Herausforderung sei es, das Labor mit der Außenwelt zu verbinden. Dass Labore das können, hätten sie in der Pandemie unter Beweis gestellt, als sie die Ergebnisse der Corona-Tests digital direkt an die getesteten Personen übermittelten. „In puncto Testergebnisse sei es aber grundsätzlich sinnvoll, wenn der/die Ärzt:in die Laborergebnisse erläutert“, führte Bode aus.

Diagnostik ist nur so gut wie die ihr zugrundeliegenden Daten. Das Potenzial der Labordiagnostik sei hier aber noch nicht ausgeschöpft, erläuterte Wintrich. „Wenn wir von einsendenden Ärztinnen und Ärzten mehr relevante Informationen bekommen, ermöglicht dies eine präzisere Diagnostik. Beispielsweise können Informationen zu Symptomen und/oder medizinischen Fragestellungen die Wahl der relevanten Laborparameter beeinflussen. Insgesamt könnten Labore dadurch einen deutlichen Mehrwert für die behandelnden Ärztinnen und Ärzte schaffen und besser bei Therapieentscheidungen unterstützen“, sagte Wintrich. Nachbesserungsbedarf sahen die Expert:innen an den Schnittstellen Industrie-Labor und Labor-Informationssystem. Eine gemeinsame, vom Gerätehersteller unabhängige Benutzeroberfläche, die intuitiv zu bedienen ist und einheitliche Schnittstellen hat – das würde Zeitersparnis bringen und damit wichtige Ressourcen bei Fachkräften freisetzen, regten die Expert:innen an. Selbstverständlich seien auch Datenschutz und Datensicherheit wichtig, entsprechende Maßnahmen sollten aber durchdacht sein und intelligent umgesetzt werden.

Der Fachkräftemangel trifft auch das Gesundheitswesen mit voller Wucht. Die Unternehmensberatung Pricewaterhouse-Coopers (PWC) prognostiziert für 2035 rund 1,8 Mio. offene, unbesetzte Stellen im deutschen Gesundheitswesen.⁴ Gleichzeitig spitzt sich die Lage in den Laboren durch die bevorstehende Ruhestandswelle und ausbleibenden Nachwuchs zu⁵: „Wir sind in einem veritablen ‚War for Talents‘. Das heißt, Labore müssen mit innovativen Ansätzen und effektiven Konzepten junge Menschen für sich gewinnen“, beschrieb Kachler die Situation.

Der Beitrag der Labordiagnostik war zwar während der Pandemie täglicher Bestandteil der Berichterstattung. „Aber wir haben die Chance verpasst, den Beruf wirksam als attraktiv und zukunftsträchtig darzustellen“, fand Aretzweiler. Aktuelle Umfragen bestätigen diesen Eindruck: So gaben 43 Prozent der Teenager an, genauso wenig über die Laborarbeit zu wissen wie vor Corona beziehungsweise sich gar kein Bild von der Arbeit im Labor machen zu können.⁶ Ungünstige Arbeitszeiten, hohe Arbeitsbelastung sowie repetitive Tätigkeiten im Labor sind zudem für viele abschreckend, machten die Expert:innen deutlich. „Wir versuchen, die Tätigkeiten attraktiver auszugestalten“, sagte Wintrich. Gerade junge Leute, die sogenannte Generation Z, suche nach Sinnhaftigkeit bei der Berufswahl – und genau das könnten Labore mit ihrem Beitrag zu besseren Gesundheitsentscheidungen bieten. Auch flexiblere Arbeitszeiten und die Möglichkeit zum Home Office, zumindest in begrenztem Umfang, ließe sich laut der Expert:innen auch im Labor realisieren. „Die Unternehmen müssen sich aber umstellen und neues Arbeiten zulassen“, sagte Kachler.

Auch die Reform der MTL-Ausbildung soll dem veränderten Berufsbild Rechnung tragen. Statt „Medizinisch-technische Assistent:innen“ heißt es ab 2023 „Medizinische Technolog:innen für Laboratoriumsanalytik“. Damit spiegelt sich auch im neuen Namen, dass der Beruf sich gewandelt hat und technologischer ausgerichtet ist. Die neue Ausbildung enthält zudem mehr als doppelt so viel Praxisanteil als früher und wird angemessen vergütet.

Um Fachkräfte nicht nur zu gewinnen, sondern auch langfristig zu halten, sei ein Change-Management wichtig, das die Mitarbeitenden mitnimmt. „Wir begleiten Umstellungen sehr eng mit den Fachkräften und fragen, wie sie zukünftig mit einem neuen Gerät arbeiten wollen und wie wir das in unsere Prozesse einbinden“, erläuterte Wintrich. Dies bestätigte auch Hänßel: „Wir müssen aus Betroffenen Beteiligte machen. Das bedeutet, Vertrauen in die Mitarbeitenden haben und auch mal etwas abgeben“. „Schließlich sind gute Mitarbeitende der wichtigste Schatz eines Labors“, fasste Bode zusammen.

Literatur

  1. Corona-Bilanz der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, 9.5.2022

  2. Verband der Diagnostica-Industrie, online unter:

  3. Schulz, Stefan: Die Altenrepublik. Wie der demographische Wandel unsere Zukunft gefährdet, Hamburg 2022.

  4. PWC, Fachkräftemangel im deutschen Gesundheitswesen 2022, online unter:

  5. ALM e.V., Fachkräftemangel im Gesundheitswesen – Perspektive Labor, 2022.

  6. Labor Journal, online unter:

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